Habt Ihr Euch auch schon mal gefragt, was ein Vogel da so singt, wenn er aus tiefstem Herzen in die Welt hinaus ruft? Uns hat der Zufall in die Hände gespielt – und uns das bittersüße Lied der Nachtigall entschlüsselt.

Wem die Nacht gehört

Im Mai und Juni singen Nachtigallen auch am Tag, doch ihre Stimme sticht aus dem großen Chor der Geflügelten nicht so deutlich heraus, wie mancher vielleicht annehmen mag. Mit Einsetzen der Dämmerung, wenn die anderen Vögel nach und nach verstummen, scheint der Gesang der Nachtigall lauter und klarer hervorzutreten. Er perlt durch den Abend wie Tropfen aus einem Seelengewässer. Doch kaum haben wir uns zurückgelehnt und darauf eingelassen, verstummt der Gesang, urplötzlich. In den frühen Stunden der Dunkelheit verfällt die Nachtigall in so tiefes Schweigen, dass es bisweilen anmutet, als wüsste sie nicht, dass die Nacht ihr gehört – und sie der Nacht.

Ein bisschen wehmütig sind wir in unser Zelt gekrochen und ziemlich schnell eingeschlafen – unter den Fittichen einer alten Eiche, die ihre Äste und grünblättrigen Zweige weit streckte und über uns herabsenkte wie Arme. Hätte es nicht geregnet, hätten wir auf das Zelt verzichtet und in das Kronendach des Baumes geschaut, womit wir zugegebenermaßen zahllose Nächte verbringen können, die paradoxerweise ebenso schlaflos wie erfrischend sind. Das scheint auch die Nachtigall gewusst zu haben, denn um 23.23 Uhr zeigte sie sich bereit für ihren Soloauftritt und weckte uns. Sie sang genau über unserem Zelt und wäre das Zeltdach nicht gewesen, hätten wir nur die Hand ausstrecken brauchen, um sie berühren zu können, so nah war sie gekommen.

Diktierfunktion und Vogel-Gesang: Technik, die begeistert ;o)

Eine Weile lauschten wir ihr, ihr und dem Regen, der auf das Zeltdach klopfte, tickte und droppelte wie ein ehrfürchtiges Orchester unter dem Sopran einer Cantadora. Und dann zogen wir leise und sehr weltlich unser Smartphone aus der Tasche neben dem Zelteingang, öffneten die Diktierfunktion und zeichneten den Gesang auf.

Zugegeben, ein bisschen unromantisch ist die Sache mit dem Smartphone in einem Wildniscamp, und eigentlich sollte man gar kein Smartphone mitnehmen, wenn man „raus“ geht. Manchmal aber verdankt man der modernen Technik überaus inspirierende Überraschungen: was sich während der Aufnahme auf unserem Handydisplay tat, ließ unsere Augen reichlich groß und rund werden. Unsere vorinstallierte App zum Aufzeichnen von Audio-Memos stand zufällig auf der Funktion „Sprache zu Text“ und übersetzte just und ganz selbstverständlich den Nachtigallen-Gesang in deutsche Wörter. Simultan und in Echtzeit.

... und wir verstehen sie doch!

Das war mal WOW. Ungläubig starrten wir auf unser Handy, Regen und Vogelstimme im Ohr, pendelnd zwischen Zärtlichkeit, leiser Melancholie und berstendem Lachen, denn das, was die Nachtigall sang, war in weiten Teilen so gar nicht jugendfrei. Und doch kristallisierte sich im Verlauf von gut zwei Stunden etwas heraus, das Sinn machte, das poetisch und anrührend war, diesem kleinen Vogel vielleicht zu Herzen ging oder ausdrückte, wonach sich sein Geist und seine Seele sehnten. Es heißt, dass uns der Nachtigallengesang an das Lied unserer eigenen Seele erinnert und dass uns dieses Lied – wenn wir es als unser Lebenslied singen lernen – in die eigene Kraft und Anbindung an die geistige Welt bringt*. Vielleicht singt die Nachtigall jedem ein anderes Lied, und vielleicht tut das nicht nur die Nachtigall.

Welches Lied ist Eures? Und welcher Vogel singt es?

pick
ich liebe dich
liebst du mich
jetzt jetzt jetzt
jetzt geht es nicht
ich bin ich bin ich bin ich
wir später

hat musik
aber spiel jetzt nicht
lass uns tanzen
jetzt jetzt jetzt
jetzt geht es nicht
ich liebe dich
liebst du auch mich

ich spreche jetzt
was kommt als nächstes
nicht nichts
gib mir die zeit, zu gehen
ich liebe dich
so gut
so kurz
jetzt nicht
jetzt kann ich nicht
jetzt gehe ich

*Jeanne Ruland, Krafttiere 2, Schirner Verlag 2017, S. 291

Text: Judith Böhnke, Foto oben: Shutterstock